Fog für 6 Sänger, 2 Klaviere und Streichquartett (2013/14)
Text: Maryna Vroda
Klav1.Klav2-S.S.Ms.T.Bar.B-Vln1.Vln2.Vla.Vcl
(33 min)

Verlag
Boosey & Hawkes Berlin

Uraufführung
Neue Vocalsolisten Stuttgart, GrauSchumacher Piano Duo,
Streichquartett des Ensemble L’instant donné, Manuel Nawri, Stuttgart, 07. Februar 2015

Texte
einige Gedanken, Feb. 2015

Thematik:
Grundlage dieses Stücks sind Dialoge in englischer Sprache, die ich gemeinsam mit der Filmregisseurin Maryna Vorda entwickelt habe. Thema sind Fremdheitserfahrungen, die im Konflikt zwischen Heteronomie und Autonomie in menschlichen Beziehungen entstehen, das Erkennen, Aushalten und Druchleiden dieser und damit verbunden das aktive Handeln, welches nötig ist, um eingefahrene Verhaltensmuster zu durchbrechen und mit all diesen Erfahrungen sich selbst eingebunden in die Beziehung (Gesellschaft) als „freier“ Mensch wiederzufinden – die positiven Abhängigkeiten zu genießen und gleichzeitig die notwendige Autonomie zu bewahren, um Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen.

Story:
Zwei Menschen lernen sich kennen (Sasha und Anton), verlieben sich und werden dabei mit äußeren und auch inneren Konflikten konfrontiert, welche die Möglichkeit und den Sinn der Liebe von Anfang an in Frage stellen, gleichzeitig den Reiz und die gegenseitige Anziehung noch verstärken. Im Laufe der Beziehung wandelt sich die Energie des Paares weg vom eigentlichen Konflikt (der nur Auslöser ist) hin zur eigenen Persönlichkeit, der äußere Konflikt entpuppt sich als eine existentielle Krise.

Arbeitsweise und Entstehungsprozess:
Text und Musik sind gleichzeitig entstanden, es wurde kein präexistenter Text im herkömmlichen Sinne vertont. Die Form des Dialoges und der Entwicklungsprozess des Paares im Stück wirken sich auf unserer Arbeitsweise aus – es entsteht ein mehrfacher Dialog: in dem Stück, über das Stück, zwischen uns, über uns etc.. Das gemeinsame Diskutieren von Librettistin und Komponist, das Erkunden, Entdecken usw. sind nicht nur Bestandteil der Arbeitsweise sondern werden über die Form des Austausches während der Arbeit Bestandteil des Stückes.
Wir „lassen“ etwas entstehen, was uns zunächst unbekannt und fremd ist – vergleichbar mit dem Konflikt des Paares im Stück. Wir können uns der Fremde nur nähern und einen Teil davon verstehen (oder verstehbar machen), indem wir kreativ etwas erschaffen, was im Verhältnis zu ihr steht. Schritt für Schritt. Und jeder Schritt erzeugt Konsequenzen. Dadurch werden Muster erkennbar, das Unbekannte wird über die Form erfahrbar. Die Entwicklung und letzendlich auch das Scheitern des Paares spiegeln unsere eigene Entwicklung und unser eigenes Scheitern wider, welchem wir kreativ begegnen.
Text und Musik bedingen sich gegenseitig – das eine ist ohne das andere nicht sinnvoll rezipierbar.

Sprache:
Die Dialoge sind der Alltagssprache angelehnt bzw. übernommen und stehen im Verhältnis zu musikalisch-dialogischen Formprinzipien. So ist es möglich, die Dramaturgie nach musikalischen Gesichtspunkten zu gestalten und trotzdem Musik als „Ergebnis“ und Bestandteil des sprachlichen Dialogs zu interpretieren (und umgekehrt – das Verhältnis ist im Idealfall wechselseitig)
Der Dialog soll nicht der Veranschaulichung eines Inhalts, einer philosophischen/politischen Reflexion dienen, er ist vielmehr aus dem Alltäglichen heraus entwickelt, mit all seinen unsystematischen, unlogischen Unterbrechungen und Wendungen. Er soll nicht den dramatischen Konflikt verständlich vermitteln – die Personen, die sich unterhalten, kennen den Konflikt und sind gezwungen zu handeln, um sich ihm zu nähern und ihn zu verändern – für den Zuschauer bleibt es rätselhaft. Die Form des Dialoges wird musikalisch.

Gedanken zur Besetzung:
Der Mangel an Dialogfähigkeit des Paares bedarf eines Hintergrundes, um als solcher erkennbar und künstlerisch erfahrbar zu werden. So ist ihm z.B. ein teilweise absurd in die Leere laufendes Dialogbedürfnis der beiden Pianisten gegenübergestellt. Musikalische Bestandteile bekommen so Bedeutung, die über die abstrakt-musikalische hinausgeht und umgekehrt: Die Sprache verliert an semantischer Bedeutung, um in ein musikalisches „Erleben“ umzuschlagen.
Sasha und Anton sind nicht allein, ihre Beziehung steht in einem engen Verhältnis zur Umgebung. Die 4 anderen Sänger symbolisieren diesen Kontext. Gleichzeitig spiegeln sie auf unterschiedliche Weise Atmosphäre, einzelne Facetten der Persönlichkeit, geben Hinweise auf verborgene Zusammenhänge, analysieren und beeinflussen – zwischen Traum und Realität.

Gedanken zur Dramaturgie
Was als unschuldige Liebesbeziehung beginnt, führt zur Konfrontation mit Persönlichkeitsstörungen (welche aktiv das „Gegenüber“ suchen, um sich erst entfalten zu können) und letztendlich zur Infragestellung der eigenen Identität.
Die geglaubte Sicherheit der Persönlichkeit und Lebensführung wird bedroht. Der Blick in den Abgrund eröffnet neue Möglichkeiten – Scheitern wird „produktiv“. Tragik, Leiden, Verzweiflung etc. führen zum Glück, wenn sie überwunden werden – selbst im Erkennen, dass manche Konflikte nicht zu lösen sind. Diese hart errungene Erkenntnis führt zu Distanz und öffnet einen neuen, leeren Raum.
Glückseligkeit wird auf andere Weise erfahrbar, in Abwesenheit und Befreiung des Ersehnten. Was bleibt, ist die Erinnerung. Entrückt.

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