{"id":1034,"date":"2022-01-04T22:30:40","date_gmt":"2022-01-04T21:30:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.johannesborisborowski.de\/?page_id=1034"},"modified":"2022-01-04T22:30:40","modified_gmt":"2022-01-04T21:30:40","slug":"streichquartett1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.johannesborisborowski.de\/en\/streichquartett1\/","title":{"rendered":"Streichquartett1"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>String Quartet No. 1<\/strong> (2015\/16)<br>vln1.vln2.vla.vc<br>(12 min)<br><br><strong>Publisher<\/strong><br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.boosey.com\/Borowski\" target=\"_blank\">Boosey &amp; Hawkes Berlin<\/a><br><br><strong>First performance <br><\/strong>Quatuor Diotima, Witten, Germany, April 22nd, 2016<br><br><strong>Texts<\/strong><br>Thoughts about my string quartet (only in German)<br><br>Gedanken zu meinem Streichquartett Nr. 1<br><br>In dem Streichquartett alternieren klar unterscheidbare Teile auf sehr schematische Art.<br><br>Die Initiierung einer solch klaren, schematischen, architektonischen Formgestaltung (insbesondere der Wechsel von &#8220;ger\u00e4uschorientierten&#8221; und &#8220;klangorientierten&#8221; Teilen) dient zun\u00e4chst dem Wissenserwerb beim H\u00f5ren, indem Schemata aufgebaut und nach und nach modifiziert werden. Vor diesem Hintergrund (welcher nicht der einzige und auch nicht der durchwegs notwendigste f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Rezeption ist) werden Erwartungen ausgel\u00f5st. Die Aufmerksamkeit wird zunehmend dramaturgisch gesteuert: Je nach &#8220;Passung&#8221; der einlaufenden Informationen (Kl\u00e4nge, Motivbeziehungen u.a.) mit den jeweils aktivierten Schemata ist ein aktiveres H\u00f5ren (unter Umst\u00e4nden mit der Forderung nach Feinabstimmung, Umstrukturierung oder gar dem Erwerb eines neuen Schemas) oder ein passiveres H\u00f5ren denkbar, z.B. ein &#8220;sich Fallenlassen&#8221; in die musikalische Situation, erm\u00f5glicht durch die Sicherheit, gegeben aufgrund der Kongruenz des Schemas mit dem gerade Erklingenden. Eine solche Sicherheit (auf einer bestimmten formalen Ebene) erm\u00f5glicht aber gleichzeitig ein spielerisches Erkunden und Entdecken in anderen Bereichen und kann somit weit weg vom eigentlichen Schematismus hin zur unerwarteten k\u00fcnstlerischen, \u00e4sthetischen Erfahrung f\u00fchren.<br><br>Indem ich solchen schematheoretischen Ans\u00e4tzen in Anlehnung an die Wissenspsychologie nachgehe (vgl. u.a. Heinz Mandl, David Rumelhart, Donald Norman, Arthur Graesser) und sie auf den k\u00fcnstlerischen Gegenstand \u00fcbertrage (welcher als neuer Realit\u00e4tsbereich gemeinsam erschlossen werden will), versuche ich einerseits mehr Klarheit \u00fcber Wissenserwerb\/Wissensanwendung und somit das Verst\u00e4ndnis von musikalischen Zusammenh\u00e4ngen zu bekommen, andererseits klare nachvollziehbare Angebote an Wahrnehmungs- und Erkenntnism\u00f5glichkeiten zu schaffen. Vor diesem Hintergrund kann ich dann ein k\u00fcnstlerisch &#8220;freieres&#8221; Handeln wagen: die Freiheit wird hier durch das Schema (z.B. Freiheit, das Schema zu ver\u00e4ndern, ein anderes Schema zu probieren etc.) von und mit dem Individuum (jedem einzelnen am k\u00fcnstlerischen Prozess Beteiligten) definiert. Je klarer der (schematische) Hintergrund, desto spielerischer, mutiger, einfallsreicher gilt es, diesen Hintergrund zu sprengen (um vielleicht unversehens einen neuen zu er\u00f5ffnen).<br><br>Eine weitere f\u00fcr das Streichquartett wichtige Inspiration war die Lekt\u00fcre von Dostojewskis Br\u00fcder Karamasow (zeitgleich w\u00e4hrend des Kompositionsprozesses). Insbesondere faszinierten mich hier:<br>\u2022 Die Kleinteiligkeit, welche zwar eine \u00dcbersichtlichkeit suggeriert und dem (Form-) Verst\u00e4ndnis scheinbar entgegenkommt, gleichzeitig daf\u00fcr sorgt, dass man sich inmitten der Teile verliert und in einen Sog gerissen wird, welcher das Formschema immer wieder vergessen macht und welchem dann Kraft entgegengesetzt werden muss, von welchem man aber manchmal auch unvermittelt zur\u00fcck in die formale Struktur gezogen wird<br>\u2022 Die unerwarteten Wechsel der Tempi und des Formrhythmus &#8211; zwischen dramatischen Temposteigerungen und Detailfixiertheit, epischer Ausschweifung und konzentrierter Reduktion<br>\u2022 Der Wechsel der Erz\u00e4hlperspektiven, welcher wiederum musikalisch-rhythmisierend wirkt<br>\u2022 Das Ineinandergreifen unterschiedlicher Genres (Kriminalroman, Entwicklungsroman, Liebesgeschichte\u2026), zwischen denen sich vielf\u00e4ltige Beziehungen und Vernetzungen ergeben<br>\u2022 Der Umschlag des Erz\u00e4hlenden ins Dramatische<br><br>Einen Reichtum, wie er \u00fcber 1300 Seiten Literatur entwickelt werden kann, ist nat\u00fcrlich nicht analog in einem einzigen Musikst\u00fcck erfahrbar (egal welcher L\u00e4nge). Vielmehr als in der Literatur ist hier das nochmalig H\u00f5ren mit zeitlichem Abstand erforderlich, wie auch der Einbezug von anderen Musikerfahrungen (des gleichen Komponisten), um Querbez\u00fcge zwischen den St\u00fccken herstellen zu k\u00f5nnen.<br><br>Ich hoffe somit, dass ich mit dem Streichquartett auch auf meine zuk\u00fcnftigen und bereits existierenden Kompositionen neugierig machen kann und sich die gemeinsame Erfahrung nicht beschr\u00e4nkt auf einen kurzen Moment, sondern fortwirkt und Ausgangspunkt bzw. Ankn\u00fcpfungspunkt einer fortw\u00e4hrenden k\u00fcnstlerisch-menschlichen Entwicklung wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>String Quartet No. 1 (2015\/16)vln1.vln2.vla.vc(12 min) PublisherBoosey &amp; Hawkes Berlin First performance Quatuor Diotima, Witten, Germany, April 22nd, 2016 TextsThoughts about my string quartet (only in German) Gedanken zu meinem Streichquartett Nr. 1 In dem Streichquartett alternieren klar unterscheidbare Teile auf sehr schematische Art. 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