Streichquartett Nr. 1 (2015/16)
Vln1.Vln2.Vla.Vcl
(12 min)

Verlag
Boosey & Hawkes Berlin

Uraufführung
Quatuor Diotima, Witten, 22. April 2016

Texte
Gedanken zu meinem Streichquartett Nr. 1

In dem Streichquartett alternieren klar unterscheidbare Teile auf sehr schematische Art.

Die Initiierung einer solch klaren, schematischen, architektonischen Formgestaltung (insbesondere der Wechsel von „geräuschorientierten“ und „klangorientierten“ Teilen) dient zunächst dem Wissenserwerb beim Hõren, indem Schemata aufgebaut und nach und nach modifiziert werden. Vor diesem Hintergrund (welcher nicht der einzige und auch nicht der durchwegs notwendigste für die künstlerische Rezeption ist) werden Erwartungen ausgelõst. Die Aufmerksamkeit wird zunehmend dramaturgisch gesteuert: Je nach „Passung“ der einlaufenden Informationen (Klänge, Motivbeziehungen u.a.) mit den jeweils aktivierten Schemata ist ein aktiveres Hõren (unter Umständen mit der Forderung nach Feinabstimmung, Umstrukturierung oder gar dem Erwerb eines neuen Schemas) oder ein passiveres Hõren denkbar, z.B. ein „sich Fallenlassen“ in die musikalische Situation, ermõglicht durch die Sicherheit, gegeben aufgrund der Kongruenz des Schemas mit dem gerade Erklingenden. Eine solche Sicherheit (auf einer bestimmten formalen Ebene) ermõglicht aber gleichzeitig ein spielerisches Erkunden und Entdecken in anderen Bereichen und kann somit weit weg vom eigentlichen Schematismus hin zur unerwarteten künstlerischen, ästhetischen Erfahrung führen.

Indem ich solchen schematheoretischen Ansätzen in Anlehnung an die Wissenspsychologie nachgehe (vgl. u.a. Heinz Mandl, David Rumelhart, Donald Norman, Arthur Graesser) und sie auf den künstlerischen Gegenstand übertrage (welcher als neuer Realitätsbereich gemeinsam erschlossen werden will), versuche ich einerseits mehr Klarheit über Wissenserwerb/Wissensanwendung und somit das Verständnis von musikalischen Zusammenhängen zu bekommen, andererseits klare nachvollziehbare Angebote an Wahrnehmungs- und Erkenntnismõglichkeiten zu schaffen. Vor diesem Hintergrund kann ich dann ein künstlerisch „freieres“ Handeln wagen: die Freiheit wird hier durch das Schema (z.B. Freiheit, das Schema zu verändern, ein anderes Schema zu probieren etc.) von und mit dem Individuum (jedem einzelnen am künstlerischen Prozess Beteiligten) definiert. Je klarer der (schematische) Hintergrund, desto spielerischer, mutiger, einfallsreicher gilt es, diesen Hintergrund zu sprengen (um vielleicht unversehens einen neuen zu erõffnen).

Eine weitere für das Streichquartett wichtige Inspiration war die Lektüre von Dostojewskis Brüder Karamasow (zeitgleich während des Kompositionsprozesses). Insbesondere faszinierten mich hier:
• Die Kleinteiligkeit, welche zwar eine Übersichtlichkeit suggeriert und dem (Form-) Verständnis scheinbar entgegenkommt, gleichzeitig dafür sorgt, dass man sich inmitten der Teile verliert und in einen Sog gerissen wird, welcher das Formschema immer wieder vergessen macht und welchem dann Kraft entgegengesetzt werden muss, von welchem man aber manchmal auch unvermittelt zurück in die formale Struktur gezogen wird
• Die unerwarteten Wechsel der Tempi und des Formrhythmus – zwischen dramatischen Temposteigerungen und Detailfixiertheit, epischer Ausschweifung und konzentrierter Reduktion
• Der Wechsel der Erzählperspektiven, welcher wiederum musikalisch-rhythmisierend wirkt
• Das Ineinandergreifen unterschiedlicher Genres (Kriminalroman, Entwicklungsroman, Liebesgeschichte…), zwischen denen sich vielfältige Beziehungen und Vernetzungen ergeben
• Der Umschlag des Erzählenden ins Dramatische

Einen Reichtum, wie er über 1300 Seiten Literatur entwickelt werden kann, ist natürlich nicht analog in einem einzigen Musikstück erfahrbar (egal welcher Länge). Vielmehr als in der Literatur ist hier das nochmalig Hõren mit zeitlichem Abstand erforderlich, wie auch der Einbezug von anderen Musikerfahrungen (des gleichen Komponisten), um Querbezüge zwischen den Stücken herstellen zu kõnnen.

Ich hoffe somit, dass ich mit dem Streichquartett auch auf meine zukünftigen und bereits existierenden Kompositionen neugierig machen kann und sich die gemeinsame Erfahrung nicht beschränkt auf einen kurzen Moment, sondern fortwirkt und Ausgangspunkt bzw. Anknüpfungspunkt einer fortwährenden künstlerisch-menschlichen Entwicklung wird.

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